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Ist die tierexperimentelle Prüfung auf anomale Toxizität für Impfstoffe, Sera und Immunglobuline noch zeitgemäss?

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Beate Krämer, Margit Nagel, Karin Duchow, Michael Schwaning, Klaus Cussler
Paul-Ehrlich-Institut, D-Langen
Summary

Das Deutsche Arzneibuch (DAB) fordert für Impfstoffe, Immunsera und Immunglobuline eine Prüfung auf anomale Toxizität (ATT) an Mäusen und Meerschweinchen als Verträglichkeitskriterium. Mittels einer retrospektiven Datenanalyse wurde an fast 6000 ATTs die Relevanz dieser Prüfung im Zeitalter einer GMP- und GLP-gerechten Produktion untersucht. Die Prüfung auf anomale Toxizität wurde in den Prüflabors der verschiedenen Impfstoffhersteller erheblich variiert; die unterschiedlichen Vorgehensweisen betrafen sowohl Auswahl der Tierspezies, Anzahl der Versuchstiere, Bobachtungszeitraum als auch Impfstoffdosierung und -verabreichung. Durch die Datenanalyse konnten Zusammenhänge zwischen Unverträglichkeitsreaktionen der Versuchstiere und einzelnen Präparategruppen, Impfstoffkomponenten und Zusatzstoffen aufgedeckt werden. Es wurden ausserdem hochsignifikante Unterschiede zwischen Herstellern und Paul-Ehrlich-Institut (PEI) bezüglich der Häufigkeit auffälliger Testergebnisse bei der Testung gleicher Produktchargen gefunden. Auffällige Testergebnisse konnten in keinem Fall auf die unzureichende Qualität einer Produktcharge zurückgeführt werden. Umgekehrt wurde keine in der Praxis unverträgliche Impfstoffcharge vorher durch den ATT identifiziert; der Test ist deshalb als Prädiktor für qualitativ minderwertige Chargen ungeeignet. Der Test auf anomale Toxizität wurde in allen Fällen, zum Teil jedoch erst in der Wiederholungsprüfung, bestanden. Somit gab es im Erfassungszeitraum weder eine Zurückhaltung einer Charge durch einen Impfstoffhersteller noch eine Zurückweisung seitens der Behörde. In der bisher praktizierten Form hat der anomale Toxizitätstest aufgrund des gewählten Tiermodells und der fragwürdigen Übertragbarkeit auf die Zielspezies nur geringe Aussagekraft. Unter Tierschutzaspekten ist die Beibehaltung dieses Testes nicht mehr zu verantworten und sollte deshalb aus dem DAB gestrichen werden, zumal Toxizitätsprüfungen anderer Art in verschiedenen Variationen bei der Impfstoffentwicklung und als Inprozesskontrollen bei der Impfstoffherstellung durchgeführt werden.


ALTEX 13(1), 3-6

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